Neues von Mama (4)

Übrigens: Weitere Kurzgeschichten von Mama finden Sie auf meinem Blog:  Neues von Mama

Hausbesuche
Mein Telefon klingelt. Ich schaue auf das Display: Mama. Erst einmal seelisch und moralisch darauf einstellen und dann abnehmen.

Mama: Bist zu zuhause?

Ich: Könnte ich sonst mit dir telefonieren? (Meine Handynummer hat sie nicht!)

Mama ging darauf nicht ein und legte gleich los:
Mama: Also ich hab eben die Ärztin angerufen, dass sie kommen muss, denn ich kann nicht mehr laufen, auch nicht mit Rollator. Und da sie ja auch Hausbesuche macht, soll sie gefälligst auch zu mir kommen.

Ich kann mich nur immer wundern, wo die höfliche und nette Frau geblieben ist, welche meine Mutter einmal war.

Ich: Und, kommt sie?

Mama: Ja, sie kommt. Sie kann nur keine Uhrzeit sagen. Also ich finde das eine Frechheit. Soll ich den ganzen Tag auf der Lauer sitzen, bis sie kommt?

Ich: Na, was willst auch sonst machen, du kannst ja eh nicht laufen. Schalte den Fernseher ein und warte, bis sie kommt.

Mama: Ich kann doch am helllichten Tag nicht Fernseher gucken.

Ich: Soll ich zu dir kommen? Wenn du nicht laufen kannst, dann kannst ja auch keine Tür öffnen.

Mama: Ach lass mal, bis zur Tür schaffe ich das schon noch.

Ich: Ok, dann ruf mir später an und erzähle, was die Ärztin festgestellt hat.

Mama: Ja, mache ich.

Ich legte schnell auf, bevor sie ein neues Thema anfangen konnte. Denn das Gespräch hätte sonst kein Ende gefunden.
Ich hörte einige Stunden nichts mehr von Mama.
Am Nachmittag rief sie wieder an. Ich war gespannt, was die Ärztin festgestellt hat.

Mama: Stell Dir mal vor: eben hat die Ärztin angerufen und mich gefragt, wo ich gewesen bin. Sie wäre da gewesen und niemand hätte geöffnet.

Ich: Warst zu langsam? Oder hast die Klingel nicht gehört?

Mama: Nein, aber glaubt die, ich sitze den ganzen Tag zuhause rum und warte, bis sie sich bequemt hierher zu kommen?

Ich dachte, ich hör nicht richtig.
Ich: Wieso? Warst du weg?

Mama: Ja, ich war beim Friseur. So konnte ich ja nicht mehr herumlaufen.

Ich. Mama!! Wo warst du? Beim Friseur? Wo ist der Friseur?

Mama: Na im Einkaufszentrum.

Ich: Und wie bist du dahin gekommen? Mit dem Taxi?

Mama: Gelaufen, mit dem Rollator. Ich gebe doch kein Geld für ein Taxi aus, wenn ich dahin laufen kann.

Ich: Mama!! Ich denke du kannst nicht laufen? Deswegen sollte doch die Ärztin zu dir kommen.

Mama: Aber ich konnte doch so nicht mehr unter die Leute. Das war jetzt wichtiger.

Ich: Und, hast der Ärztin gesagt, wo du warst?

Mama: Na klar, was hätte ich sonst sagen sollen? Mir ist so schnell keine Ausrede eingefallen.

Ich: Und was hat sie darauf geantwortet?

Mama: Sie meinte ganz schnippisch: Wenn sie zum Friseur laufen können, dann können sie nächstens auch die die Praxis kommen.

Ich: Na, wo sie recht hat …..

Mama: Na klar, jetzt bist du auch noch gegen mich.
Und legte auf!!

©Roswitha Rudzinski